Dienstag, 19.05.2020 / Von Ursula Biermann

Ruth

Vom Maasai-Hirtenmädchen zur Akademikerin.

Ruth ist jetzt 25 Jahre alt und hat gerade an der Universität von Dar es Salaam in Tansania einen Bachelor-Abschluss in Psychologie gemacht. Nun hat sie sich für den Master of Public Health (MPH) immatrikuliert – ein Abschluss, der sie dazu befähigt, die Gesundheitsforschung und das Gesundheitsmanagement ihres Landes aktiv und kompetent mitzugestalten.

Ruth – vom Hirtenmädchen zur Akademikerin
Übrigens als einzige Studentin der Volksgruppe der Maasai, und als einzige Frau in ihrem Seminar.

Es wurde ihr nicht in die Wiege gelegt, dass sie diesen Weg einschlagen wird. Ruth wurde am Nordrand der Serengeti geboren, und wie bei allen Massai-Mädchen spielte auch für sie die Schule keine Rolle. Stattdessen sollte sie früh heiraten -selbst noch im Kindesalter – Kinder gebären und ihrem Mann als eine von mehreren Frauen dienen.

Doch wie viele Maasaimädchen wurde auch sie als Teenager vergewaltigt und geschwängert. Und das von einem Mann, dem sie meinte vertrauen zu können – ihrem 50-jährigen Lehrer.

Der Vater zwang den Lehrer, Ruth zu heiraten, um die Familienehre wiederherzustellen, wie es bei den Massai üblich ist. Vor der Heirat wurde sie gewaltsam an ihren Genitalien beschnitten. Sie konnte sich nicht wehren.

Ruth war sehr verzweifelt und suchte ständig nach Fluchtmöglichkeiten.  Eines Tages, als sie am Fluss Wäsche wusch, gelang ihr die Flucht. Sie rannte durch die Serengeti aus Angst vor Verfolgung durch die Familie ihres Mannes und aus Angst vor den wilden Tieren, die dort leben. Eine Woche lang war sie unterwegs ohne einen Menschen zu sehen. Nachts schlief sie auf Bäumen, wohl wissend, dass diese keinen Schutz vor Tieren wie Löwen oder Geparden bieten. Als sie wieder in bewohntes Gebiet kam, wurde sie von einer kleinen Maasai-Hilfsorganisation aufgenommen. Dort konnte sie aber nicht bleiben, weil es immer noch zu nahe zum Wohnort ihres Mannes war.  Zu ihrem Glück besuchte zu der Zeit ein Mitglied von Materra diesen Verein. Diese wurde gebeten, Ruth mitzunehmen und sich um sie zu kümmern. Sie gab ihren inzwischen geborenen Sohn in die Obhut der Familie ihrer Schwester.

Ruth stand jetzt allerdings vor dem Problem, sich vor ihrem Mann und dessen Familie verstecken zu müssen. Das war nicht leicht, denn da ihr Mann Lehrer war, hätte er schnell erfahren, wenn sie sich auf einer staatlichen Schule angemeldet hätte.

Mithilfe einer christlichen Organisation wurde Ruth in einer Internatsschule am Kilimanjaro untergebracht. Die Ferien verbrachte sie im NAFGEM – Schutzhaus, zusammen mit anderen Mädchen, die vor Genitalverstümmelung und Zwangsheirat zu NAFGEM geflohen waren.

Ruth hat in diesem Internat ihre Secondary-Schulausbildung beendet mit einer Prüfung, die unserem Abitur entspricht.

Ruth - vom Maasai-Hirtenmädchen zur Akademikerin
Ruth – vom Maasai Hirtenmädchen zur Akademikerin

An der Universität von Dar es Salaam studierte sie Psychologie und schloss 2019 mit einem Bachelor ab.

Inzwischen kann sie sich wieder in ihre Heimat wagen. Jetzt wird sie dort von ihrer Familie und ihrer Gemeinschaft respektiert – wegen ihrer Ausbildung und ihres Wissens. Ihr Wort gilt.
Ruth will noch 2 Jahre studieren um dann ihre Ausbildung mit einem Master of Public Health (MPH) abzuschließen – eine Ausbildung, die es ihr ermöglicht, die Gesundheitsforschung und das Gesundheitsmanagement ihres Landes aktiv und kompetent mitzugestalten. Sie selbst sagt, dass es ihr größter Wunsch sei dazu beizutragen, ihrer Gemeinschaft dabei zu helfen sich so zu verändern, dass sie erkennen, wie wichtig die Schulausbildung aller Kinder ist, auch bei den Maasai, denn nur so kann es eine Zukunft geben, in der auch die Maasai teilhaben können.

Zu unserem Partnerprojekt mit NAFGEM

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